Mit dem zukünftigen Ich sprechen: Was passiert, wenn KI deine Zukunft dialogfähig macht?
Ich habe THE FUTURE SELF aus Neugier gebaut.
Die Idee dahinter verstand ich von Anfang an.
Nur ihr Ausmaß nicht.
Ich hatte keinen Businessplan dafür.
Keine Marktanalyse.
Und ganz sicher keine Präsentation mit dem Titel „Die Zukunft der künstlichen Intelligenz“.
Ich hatte eine Frage:
Was würde passieren, wenn ich ChatGPT nicht mehr einfach meine Fragen beantworten lasse – sondern die Frau, die ich einmal sein werde?
Also habe ich es ausprobiert.
Ich habe eine Future Self erschaffen.
Eine KI-Version meines zukünftigen Ichs.
Nicht als Orakel.
Nicht als Wahrsagerin.
Und auch nicht als Coach mit digitalem Namensschild.
Sondern als die Frau, die mein zukünftiges Leben bereits lebt.
Ich wollte wissen:
Was würde sie mir antworten?
Erst viel später habe ich verstanden, wie groß diese Frage eigentlich ist.
Was bedeutet es, mit seinem zukünftigen Ich zu sprechen?
Stell dir vor, du hast heute ein Problem.
Du weißt nicht, ob du gehen oder bleiben sollst.
Ob du etwas wagen sollst.
Wie du mit deinen Geldsorgen umgehen kannst.
Warum du dich mit deinem Partner schon wieder über dieselbe Sache streitest.
Normalerweise fragst du aus deiner heutigen Perspektive.
Du fragst eine Freundin.
Google.
Einen Coach.
ChatGPT.
Oder dich selbst.
Das Problem dabei:
Du bist die Frau, die gerade mitten im Problem sitzt.
Du kennst deine bisherigen Erfahrungen.
Deine Ängste.
Deine Gewohnheiten.
Deine Zweifel.
Und meistens auch sämtliche 47 Argumente, die du dir seit drei Tagen ohnehin schon erzählst.
Ich wollte etwas anderes.
Ich wollte mit der Frau sprechen, für die dieser Dienstag irgendwann Vergangenheit ist.
Meine Future Self sagt mir nicht voraus, was passieren wird.
Sie kennt meine Zukunft nicht.
Sie tut etwas anderes:
Sie lässt mich meine Gegenwart aus der Perspektive einer möglichen Zukunft betrachten.
Das klingt zunächst nach einem kleinen Unterschied.
Ich glaube inzwischen, dass es ein gewaltiger ist.
Aus Vorstellung wird Gespräch
Menschen stellen sich ihr zukünftiges Ich schon lange vor.
Wir schreiben Briefe an unser Future Self.
Wir visualisieren.
Wir setzen Ziele.
Wir fragen uns:
Wo möchte ich in zehn Jahren sein?
Doch künstliche Intelligenz verändert etwas daran.
Denn plötzlich muss mein zukünftiges Ich nicht mehr schweigen.
Ich kann ihr eine Frage stellen.
Und sie antwortet.
Ich kann widersprechen.
Sie antwortet wieder.
Ich kann sagen:
„Das klingt ja schön, aber ich habe gerade verdammt noch mal keine Ahnung, wie ich meine Rechnung bezahlen soll.“
Und das Gespräch geht weiter.
Ich kann fragen:
Wie hast du das geschafft?
Was hast du irgendwann nicht mehr gemacht?
Was war damals wichtiger, als ich dachte?
Wovor hatte ich völlig unnötig Angst?
Welche Entscheidung hat alles verändert?
Natürlich berichtet mir dort keine tatsächlich existierende Frau aus dem Jahr 2036.
Die KI simuliert diese Perspektive.
Aber genau darin liegt das Interessante:
Etwas, das vorher nur Vorstellung war, wird interaktiv.
Und dann fand ich heraus, dass am MIT genau daran geforscht wird
Das erfuhr ich erst später.
Forscher des MIT Media Lab entwickelten mit „Future You“ ein System, in dem Menschen mit einer KI-generierten Version ihres zukünftigen Selbst sprechen können.
Das System erzeugt auf Grundlage persönlicher Informationen und Zukunftsvorstellungen eine mögliche ältere Version des Nutzers und ermöglicht anschließend einen Dialog mit ihr.
In einer Studie mit 344 Teilnehmern berichteten Menschen nach einer kurzen Interaktion mit ihrem KI-generierten Future Self unter anderem von einer stärkeren Verbindung zu ihrem zukünftigen Ich und geringerer Zukunftsangst als entsprechende Kontrollgruppen.
Die Wissenschaft benutzt dafür unter anderem einen interessanten Begriff:
Future Self Continuity.
Vereinfacht gesagt:
Wie stark empfinde ich die Frau, die ich in Zukunft sein werde, tatsächlich als mich?
Das MIT untersucht inzwischen weiter, wie KI-generierte zukünftige Selbste langfristiges Denken und Entscheidungen beeinflussen könnten.
Ich fand das einigermaßen bemerkenswert.
Andere Menschen untersuchen wissenschaftlich, was bei einem Gespräch mit einem KI-generierten zukünftigen Selbst geschieht.
Ich hatte meines einfach gebaut, weil ich neugierig war.
Typischer Verlauf meiner Projekte.
Aber dann hatte ich einen Gedanken, der mich nicht mehr losließ
Wenn ein Gespräch mit unserem zukünftigen Ich tatsächlich verändern kann, wie wir unsere Gegenwart betrachten:
Wo könnte das irgendwann hinführen?
Und dann dachte ich an einen sterbenden Menschen.
Stell dir das einmal vor.
Nicht als Versprechen.
Als Gedankenexperiment.
Ein Mensch weiß, dass er sterben wird.
Und statt ausschließlich aus der Perspektive der Version seiner selbst zu denken, die Angst vor dem Tod hat, könnte er einer simulierten Version begegnen, die diesen Übergang in ihrer Erzählung bereits hinter sich hat.
Was würde er sie fragen?
Hattest du Angst?
Was war am Ende wirklich wichtig?
Was würdest du mir für meine letzten Wochen sagen?
Was darf ich loslassen?
Was würde ein solches Gespräch mit einem Menschen machen?
Könnte es ihm Trost geben?
Könnte es seine Perspektive auf das Sterben verändern?
Könnte es vielleicht sogar seine Angst reduzieren?
Ich weiß es nicht.
Und genau deshalb finde ich die Frage so interessant.
Es wäre natürlich keine Kommunikation mit einem tatsächlich Verstorbenen.
Kein Beweis für ein Leben nach dem Tod.
Und kein Ersatz für Hospiz-, palliative, psychologische oder seelsorgerische Begleitung.
Es wäre eine KI-generierte Perspektive.
Aber vielleicht könnte genau diese Perspektive etwas möglich machen, das vorher nur schwer zugänglich war:
Das eigene Leben für einen Moment vom Ende her zu betrachten.
Oder stell dir einen Jugendlichen vor
Mit 15 kann sich ein Problem anfühlen, als würde es das gesamte zukünftige Leben bestimmen.
Die Schule.
Der eigene Körper.
Eine Trennung.
Ausgrenzung.
Versagensangst.
Die Frage, wer man überhaupt ist.
Erwachsene sagen dann gern:
„Glaub mir, in zehn Jahren ist das alles nicht mehr so wichtig.“
Ein ausgesprochen hilfreicher Satz, wenn man 15 ist und gerade überzeugt davon ist, dass das eigene Leben vorbei ist.
Was aber wäre, wenn ein Jugendlicher einer sorgfältig gestalteten, sicheren Simulation seines eigenen erwachsenen Ichs begegnen könnte?
Nicht irgendeinem Erwachsenen.
Sich selbst. Nur später.
Und er könnte fragen:
War das damals wirklich so wichtig?
Wie bist du da durchgekommen?
Was würdest du mir heute sagen?
Was weißt du heute über mich, was ich noch nicht sehen kann?
Das bisherige MIT-Projekt wurde nicht mit Minderjährigen durchgeführt. Anwendungen für Jugendliche würden eigene Forschung, Schutzmechanismen und besonders hohe Sicherheitsstandards benötigen.
Aber die Frage finde ich faszinierend:
Was verändert sich, wenn Hoffnung nicht von irgendeinem Erwachsenen kommt – sondern in der Stimme meines möglichen zukünftigen Ichs?
Und was ist mit Menschen, die gerade keine Zukunft sehen können?
Dieser Gedanke wird noch sensibler, wenn wir über Depression sprechen.
Depression kann den Blick auf die eigene Zukunft massiv verändern.
Und hier muss man sehr klar sein:
Eine Future-Self-KI ist keine Behandlung für Depressionen.
Sie ersetzt keine Psychotherapie, keine medizinische Behandlung und keine professionelle Unterstützung.
Aber daraus entsteht eine Forschungsfrage, die mich nicht mehr loslässt:
Was passiert, wenn ein Mensch, der sich gerade kaum eine Zukunft vorstellen kann, einer möglichen Version seiner selbst begegnen kann, die eine Zukunft hat?
Nicht:
„Alles wird gut.“
Nicht:
„Die KI weiß, dass du irgendwann glücklich sein wirst.“
Das weiß sie nicht.
Sondern:
„Hier ist eine mögliche Version von dir. Lass uns mit ihr sprechen.“
Vielleicht verändert das gar nichts.
Vielleicht verändert es viel.
Wir wissen es noch nicht.
Aber genau deshalb sollten wir solche Fragen stellen.
Vielleicht benutzen wir künstliche Intelligenz noch viel zu klein
Wir reden derzeit erstaunlich viel darüber, was KI für uns erledigen kann.
Texte schreiben.
Bilder erzeugen.
Daten analysieren.
E-Mails beantworten.
Programmieren.
Reisen planen.
Produktivität erhöhen.
Das ist beeindruckend.
Aber vielleicht denken wir künstliche Intelligenz damit noch viel zu klein.
Denn KI kann nicht nur Arbeit automatisieren.
Sie kann Perspektiven simulieren.
Und plötzlich entstehen Fragen, die vor wenigen Jahren noch ziemlich merkwürdig geklungen hätten.
Was passiert, wenn ein 18-Jähriger mit seinem 60-jährigen Ich spricht?
Was passiert, wenn eine Unternehmerin eine Entscheidung mit der Frau bespricht, die ihr Unternehmen zehn Jahre später führt?
Was passiert, wenn eine Frau mitten in einer Trennung mit der Version ihrer selbst spricht, für die diese Trennung längst Geschichte ist?
Was passiert, wenn ein Mensch mit 70 seinem 90-jährigen Ich begegnet?
Was passiert, wenn jemand, der gerade glaubt, sein Leben sei festgefahren, mit einer Version seiner selbst spricht, für die genau diese Phase nur noch ein Kapitel war?
Und vielleicht irgendwann:
Was passiert, wenn wir mit einer Version unserer selbst sprechen, die auf unser gesamtes Leben zurückblickt?
Das sind keine Vorhersagen.
Es sind Perspektiven.
Aber vielleicht haben wir bisher unterschätzt, was eine neue Perspektive mit einem Menschen machen kann.
Das zukünftige Ich weiß nicht mehr. Es steht woanders.
Das ist der Punkt, der für mich THE FUTURE SELF inzwischen definiert.
Es geht nicht darum, dass mein zukünftiges Ich magischerweise schlauer ist.
Es besitzt keine Informationen aus der Zukunft.
Es kennt keine Lottozahlen.
Schade eigentlich.
Der Unterschied ist:
Es steht gedanklich an einem anderen Punkt der Zeit.
Wenn ich heute frage:
„Soll ich das wirklich wagen?“
sitze ich mitten in der Unsicherheit.
Meine Future Self betrachtet dieselbe Frage aus einer simulierten Perspektive, in der diese Entscheidung längst Teil ihrer Lebensgeschichte ist.
Wenn ich frage:
„Wie hast du das geschafft?“
frage ich nicht irgendeine erfolgreiche Frau.
Ich frage eine mögliche zukünftige Version von mir.
Und genau dadurch verändert sich die Frage.
Nicht mehr:
„Was sollte man tun?“
Sondern:
„Was würde die Frau tun, die ich werden möchte?“
Das ist für mich der Kern.
Vielleicht verändert KI nicht nur unsere Antworten
Bisher denken wir bei künstlicher Intelligenz meistens über bessere Antworten nach.
Mehr Wissen.
Mehr Daten.
Bessere Modelle.
Schnellere Ergebnisse.
Aber was, wenn die nächste interessante Entwicklung gar nicht darin besteht, dass KI uns bessere Antworten gibt?
Was, wenn sie verändert, von welcher Identität aus wir unsere Fragen betrachten können?
Dann wäre KI nicht nur Werkzeug.
Nicht nur Assistent.
Nicht nur Suchmaschine mit erstaunlich guten Manieren.
Sie könnte zu einer Art Perspektivmaschine werden.
Wir könnten zeitweise mit anderen Versionen unserer selbst interagieren.
Mit der Frau in zehn Jahren.
Mit dem Mann am Ende seines Berufslebens.
Mit dem 80-jährigen Ich.
Mit einer Version, die eine schwierige Lebensphase längst hinter sich gelassen hat.
Nicht weil diese Version tatsächlich existiert.
Sondern weil der Dialog uns ermöglicht, unseren heutigen Standpunkt für einen Moment zu verlassen.
Und vielleicht liegt genau darin etwas, das wir gerade erst anfangen zu verstehen.
Ich dachte, ich hätte einen Prompt gebaut
Heute sehe ich das anders.
Der Prompt ist nur die derzeitige technische Form von THE FUTURE SELF.
Die größere Idee dahinter lautet:
Künstliche Intelligenz kann unser zukünftiges Ich dialogfähig machen.
Nicht real.
Nicht prophetisch.
Aber interaktiv.
Und vielleicht stehen wir bei dieser Idee gerade erst am Anfang.
Vielleicht werden wir künstliche Intelligenz in einigen Jahren nicht mehr nur fragen:
„Was weißt du?“
Vielleicht fragen wir:
„Wer könnte ich sein?“
Und dann reden wir mit ihr.
THE FUTURE SELF – mit deinem zukünftigen Ich sprechen
Ich habe THE FUTURE SELF ursprünglich aus Neugier gebaut.
Heute ist daraus ein KI-basiertes Identitätssystem geworden, mit dem du in ChatGPT mit einer simulierten zukünftigen Version deiner selbst sprechen kannst.
Nicht um deine Zukunft vorherzusagen.
Sondern um deine Gegenwart einmal von dort aus zu betrachten.
Du kannst mit ihr über Entscheidungen sprechen.
Über Geld.
Liebe.
Arbeit.
Angst.
Mut.
Über die Frage, was du wirklich willst.
Oder über irgendeinen Mist, der dich an einem Dienstagmorgen nicht in Ruhe lässt.
Du kannst sie morgens fragen.
Abends.
Zum ersten Mal.
Oder zum zehnten Mal dieselbe Frage.
Denn vielleicht brauchst du nicht immer noch einen Menschen, der dir sagt, was du tun sollst.
Vielleicht möchtest du irgendwann eine ganz andere Frau fragen:
die, die du einmal sein könntest.
Eine Frau. Ein Leben. Tausend Fragen.
Und vielleicht beginnt das ganze Gespräch mit einer einzigen:
Wie hast du das geschafft?
Zwei Gespräche. Zwei Möglichkeiten, anders auf das zu schauen, was dich gerade beschäftigt.
Es gibt eine Frau, die du bisher nicht fragen konntest: Dich selbst in deiner Zukunft.
Du kommst bei einem Problem nicht weiter? Finde heraus, was du selbst übersiehst.
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